Forschungsprojekt
Dinge der Moderne

Forschungsprojekt
Prof. Dr. Laurent Stalder
Seit 2019
 

Von der Landwirtschaft bis zur Architektur, von Haushaltsgeräten bis zur Metropole – die Anfänge der umfassenden Rekonfiguration der gebauten Umwelt in Europa (und darüber hinaus) gehen auf die verschiedenen industriellen Entwicklungen und deren Ergebnisse im 19. Jahrhundert zurück. Die Faktoren, die die Gesellschaft zu dieser Zeit stark verändert haben, waren weniger formale Leistungen in Form einer Autorenarchitektur, sondern eine Reihe neuer wissenschaftlicher Fachgebiete (z.B. Hygiene), Prozesse (z.B. Elektrifizierung oder Zugang zu Wasser) und Fachwissen (z.B. Professionalisierung von Architekten, Ingenieuren und Stadtplanern). Diese neuen Bereiche ermöglichten die Regulierung der Umwelt durch eine Reihe von Systemen, Geräten und Techniken. Diese Rekonfigurationen wiederum brachten eine umfassende Reorganisation der Architektur und der Stadtplanung mit sich: Wie sie konstruiert wurden, wie sie kontrolliert wurden und wie sie bei den verschiedenen Entwerfern und den Nutzern der gebauten Umwelt verstanden wurden.

Eine zentrale Hypothese ist, dass sich diese Veränderungen durch die verschiedenen Dimensionen der Architektur nachvollziehen lassen, die von der Planung der Infrastruktur und des Städtebaus bis hin zur Gestaltung einzelner Gebäude reichen, die aus einer Ansammlung von Vorschriften, Techniken und Apparaten mit jeweils eigenen Diskursfeldern, Wissenssystemen und Produktkonstellationen bestehen. Einzelne Geräte und vernetzte Systeme wie der Speiseaufzug, die Klingelanlage, die Wasserleitung (und deren Versorgung), die Küche oder die Toilette fügen sich im Laufe der Zeit schrittweise in den Gebäudekörper ein. In zeitgenössischen Gebäuden werden diese ehemals eigenständigen technischen Objekte konkret, da sie Teil eines ganzen technologischen Ensembles sind, in dem der Unterschied zwischen Gerät und Gebäude, den Nutzern und dem verwendeten Objekt voneinander abhängig ist. Diese Veränderungen haben nicht nur unser Verständnis von Architektur verändert, sondern auch die Art und Weise, wie Einzelpersonen und soziale Gruppen die gebaute Umwelt erleben. Diese Transformationen sind daher nicht nur technischer Natur, sie spiegeln sowohl die Logik immer verfeinerter technologischer Systeme wider als auch einen diskursiven Bogen zwischen widersprüchlichen Vorstellungen von Modernität: einerseits die Bedeutung von Komfort, Sicherheit oder Hygiene, andererseits die zentrale Rolle der Disziplinarmassnahmen und Mechanismen der sozialen Kontrolle.

Solche Ideen, die der Strukturierung und Organisation des Raumes dienen, manifestieren sich in den zahlreichen Apparaten, die moderne Gebäude, Städte und Dörfer ergänzen. In der Drehtür die Einschluss- und Ausschlussmerkmale der Metropole; mit dem Aufzug die Aushandlung sozial und/oder funktional organisierter Räume innerhalb eines mehrgeschossigen Gebäudes; mit dem Müllschacht die verschiedenen Mittel zur Abfallbehandlung innerhalb und ausserhalb eines Gebäudes; und im Briefkasten die mediale Vernetzung von Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen. Diese Objekte nur aus technischer Sicht zu analysieren oder sie einfach als Repräsentationen (von Geschmack, Begehren, Fortschritt) zu sehen, erlaubt daher keine zufriedenstellende Analyse der komplexen Netzwerke von Akteuren, die an ihrer Entwicklung, Gestaltung oder Regulierung beteiligt sind. Um der Vielschichtigkeit dieser Objekte, die unsere Umwelt in den letzten 200 Jahren geprägt haben, gerecht zu werden, stellt das Forschungsprojekt diese Objekte, die "Dinge der Moderne", in den Mittelpunkt der Untersuchung.

Das übergeordnete Ziel des Projekts ist es, eine neue Interpretation der modernen Architektur (1850-20XX) vorzuschlagen, beginnend nicht mit den sich ständig ändernden "Helden" oder kanonischen "Pionieren" oder den "Schlüsselgebäuden", sondern mit einer Konstellation von "Dingen", die das moderne Leben prägen: von der Uhr und dem Bett, über die Toilette und die Küche bis hin zum Heizkörper und der Drehtür. Die Tropen der modernen Architektur wie der Piloti, die Vorhangfassade oder das I-Profil werden nicht von konkreten Beispielen getrennt, sondern werden in ihrem historischen Kontext untersucht und mit neueren Beispielen aus einer Vielzahl von Quellen betrachtet und problematisiert, um ihre Rolle bei der Konstruktion der Moderne zu erklären. Insbesondere wird das Projekt die historischen und theoretischen Instrumente untersuchen, die die moderne Architektur geprägt haben. Dies geschieht durch eine exemplarische Analyse der verschiedenen Maschinen, Räume, Konstruktionen, Materialien und Elemente, die von den verschiedenen Interessengruppen der gebauten Umwelt entwickelt, eingesetzt und konzipiert wurden. In Workshops und Symposien, die im Laufe des Projekts stattfinden, wird mit Wissenschaftlern aus den Bereichen Umweltgeschichte, Technik und Politik sowie mit Historikern der materiellen Kultur, des Designs und des Städtebaus zusammengearbeitet.

Kontakt


Prof. Dr. Laurent Stalder
Dr. Andreas Kalpakci
Dr. Matthew James Wells